Rav Uri Scherki

Zum Gebet - Der die Toten wiederbelebt (II)

Übersetzung: Rafael Plaut

Von der Webseite Kimizion.org



"Du bist heilig" bedeutet normalerweise "unterschieden", "getrennt" von der Schöpfung. Auch Rabbi Jehuda Halevi schrieb in seinem Buche "Kusari" (IV,3), daß sich die Philosophen am ehesten mit der dritten Bracha (Segensspruch) des Schmone-Esre-Gebetes identifizieren können, weil sie die Abgesondertheit des Ersten Ursprungs hervorhebt. Sollten wir einen Philosophen beauftragen, das Schmone-Esre-Gebet zu verfassen, würde er höchstwahrscheinlich mit "Du bist heilig" anfangen. Ob er dann aber auch beten würde, steht auf einem anderen Blatt, denn nach der Erkenntnis, daß sich G~tt über Alles erhebt, kann man wohl kaum etwas von ihm erbitten - oder glauben, daß zwischen ihm und uns irgendeine Verbindung besteht. Aus diesem Grunde beginnt die Schmone-Esre mit der Verbindung G~ttes zu uns über die Vorväter Awraham, Jizchak und Jakov, und erst dann wenden wir uns der Beseitigung irgendwelcher götzendienerischen Gedankensplitter zu und sagen: "Du bist heilig". Dieser Segensspruch erfuhr eine besondere Erweiterung durch die "Große Versammlung" [Übergang von Propheten zu Weisen] durch den Einschluß der Keduscha in die Wiederholung der Schmone-Esre durch den Vorbeter; dadurch wird uns eine umfangreichere Klärung des Segens "Du bist heilig" zuteil. Dieser Segensspruch läßt sich als Zusammenfassung des Dialoges verstehen, den die Engel jeden Tag führen. Es gibt eine Gruppe Engel, die "Serafim" genannt werden, die davon wissen daß G~tt "heilig" ist. Sie sagen "heilig, heilig, heilig" (kadosch, kadosch, kadosch)... bis in Ewigkeit. So sah sie der Prophet Jeschajahu sprechen, daß der Herr der Welt nicht faßbar ist, als verborgen über allem Verborgenem. In der Sprache der Philosophie würde man "transzendental" sagen, absolut. Er läßt sich vom Menschen nicht begreifen. Demgegenüber gibt es Engel von anderer Provenienz, die sogenannten "Ofanim", die G~tt von ganz anderer Seite kennen, nämlich vom Aspekt des Segens, "gesegnet", als Quelle alles Segens, d.h. von der offenbarten Seite her. Die Philosophen würden das "immanent" nennen (er offenbart sich). Scheinbar besteht zwischen diesen beiden Sichtweisen ein Widerspruch. Wie kann G~tt gleichzeitig nah und fern sein? Darum sagt kein Engel den Spruch seines Nächsten. Sondern, wie es schon im Segensspruch "der die Lichter erschafft" heißt [vor dem morgendlichen Schma-Gebet], "erteilen sich Erlaubnis, einer dem anderen" das zu sagen, was er sagen möchte, weil jeder die Beschränkung seiner Erkenntnisfähigkeit kennt und weiß, daß er sie durch die Erkenntnis seines Nächsten vervollständigen muß. Nur das Volk Israel ist in der Lage, diese beiden Erkenntnisse zu vereinigen und sagt sowohl "heilig" als auch "gesegnet", wie schon Rabbi Jehuda Halevi [s.o.] in einer Gebetskomposition für Jom Kippur vermerkte. Durch diese Erkenntnis zeichnet sich das jüdische Volk aus. Man kann sogar behaupten, der Inhalt des jüdischen Glaubens bestehe in der paradoxen Verknüpfung beider Erkenntnisse, daß G~tt sowohl transzendental und trotzdem auch immanent ist. So wie sich seinerzeit Professor André Neher [1914-1988] ausdrückte, daß der jüdische Glauben aus drei Teilen bestehe: G~tt ist sowohl "unterschieden" als auch uns nahe, und drittens die paradoxe Verbindung dieser beiden Punkte. Man kann wohl sagen, dieses "und trotzdem" verbindet die beiden Erkenntnisse. Ebenso schrieb bereits lange vorher Rabbi Jehuda Halevi (in einem Gedicht): "G~tt, wo finde ich dich? Dein Ort ist erhaben und verborgen; und wo finde ich dich nicht? Deine Herrlichkeit erfüllt die Welt!". Man kann sagen, der jüdische Glauben der Einigkeit unterscheidet sich damit vollkommen von jeder philosophischen Erkenntnis, die G~tt nur als über Alles erhaben kennt. Aber gerade wegen seiner großen Erhabenheit sind die Philosophen nicht zu glauben fähig, daß er sich für jede kleine Kleinigkeit in unserer Welt interessiert; deshalb sehen sie keine Möglichkeit, zu G~tt zu beten. Wir aber, die Kinder Israels, sind "Gläubige, Nachkommen von Gläubigen" (Schabbat 97a). "Überall, wo du die Größe [andere Lesart: Macht] des Heiligen, gepriesen sei er, findest, findest du auch seine Milde" (Megilla 31a) - darin besteht die Größe des Schöpfers, der sich für alles interessiert und überall eingreift, selbst beim Fallen eines Blattes im Herbst, bei jedem Unglück, das einen Menschen befällt, und dennoch, trotz dieser Einmischung in die Einzelheiten, verbleibt er in seiner verborgenen Erhabenheit, in seiner Unendlichkeit. Genau darüber heißt es [in der Schmone-Esre]: "Du bist heilig" - du bist zwar verborgen, aber "dein Name ist heilig", auch deine Offenbarung in dieser Welt hat etwas mit Heiligkeit zu tun, nicht nur entfernt, nicht "heilig" nur im Sinne von "unterschieden", sondern "heilig" im Sinne von "lebendig" und "lebensspendend". "und Heilige" - d.h. das Volk Israel "preisen dich jeden Tag. Selah! Gelobt seist du, Ewiger", obwohl du der "heilige G~tt" oder der "heilige König" bist, trotzdem "seist du gelobt, Ewiger". Hier wird der jüdische Glauben deutlich, der G~tt gleichzeitig entfernt als auch nah sieht - entfernt, wie es der Himmelsfurcht würdig ist, und nah zur G~ttesliebe.

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