Rav Uri Scherki

Zum Gebet - Verzeihung

Übersetzung: Rafael Plaut

Von der Webseite Kimizion.org



Der Segensspruch "Verzeihe uns" erinnert uns an einige Sünden oder Vergehen, die es zu bereinigen gilt. Dabei konzentriert er sich auf zwei Punkte: "Verzeihe uns, unser Vater, denn wir haben gesündigt, vergib uns, unser König, denn wir haben gefrevelt". Aus der Schrift kennen wir allerdings drei Arten Vergehen: Sünde [chet], Schuld [awon; Absicht] und Frevel [pescha; Widerspenstigkeit]. Für das Gebet wurden allerdings nur die zwei Extreme gewählt, die "Schuld" ist dabei inbegriffen. Bei den talmudischen Weisen ist von "Sünde" [chet] immer dann die Rede, wenn die Tat nicht in vollem Bewußtsein der Übertretung geschah (Joma 36b), und darum wird G~tt im Zusammenhang mit der Tatsache, daß wir Sünder sind, "unser Vater" genannt. Er liebt uns immer noch wie der Vater seinen Sohn, der ohne Absicht gesündigt hat. Was nicht für den "Frevel" zutrifft, eine absichtliche Auflehnung - dort erscheint G~tt als "unser König", als König und Richter. Und trotzdem, obwohl wir gesündigt und gefrevelt haben, bitten wir unseren Vater, unseren König um Verzeihung. Warum rechnen wir uns darauf eine Chance aus? Weil du "ein gütiger und verzeihender G~tt" bist, weil es nicht von vornherein die Absicht des Schöpfers war, die Bösewichte zu bestrafen und einen guten Lohn nur den Gerechten zu geben, vielmehr möchte der Schöpfer der ganzen Welt Gutes tun, auch den Bosewichten. Wie es im Prophetenbuche Jecheskel heißt: "Sprich zu ihnen: So wahr ich lebe, ist der Spruch G~ttes des Herrn, daß ich keinen Wohlgefallen habe an dem Tode des Bösewichtes, sondern an der Rückkehr des Bösewichtes von seinem Wandel, daß er lebe" (33,11). Von diesem Ausgangspunkt können wir eines der Geheimnisse der göttlichen Vorsehung verstehen. Wir hätten zum Beispiel behaupten können, die göttliche Oberlenkung richte sich ausschließlich nach dem Gesetz, d.h., der Herr der Welt bestimmte in seiner Welt Prinzipien, nach denen jemandem, der das Gute tut, Lohn zusteht, und jemandem, der das Böse tut, Strafe, und so entscheide jeder für sich in freier Wahl, welchen Weg er gehen möchte. Wenn der Bösewicht sich für das Böse entscheidet, weiß er, daß eine Strafe auf ihn wartet, und der Gerechte, der sich für das Gute entscheidet, kann einer Belohnung entgegensehen. Doch das hatte der Schöpfer nicht im Sinn, weil er "ein gütiger und verzeihender G~tt" ist; zuallererst hat er das Wohl Aller im Auge, und jeder Gebrauch von Lohn und Strafe ist der allgemeineren Oberlenkung unterworfen, die der Offenbarung der Ehre seines Königtums vor allem Fleische gilt. Darum ordnet der Herr der Welt die Vorgänge in der Welt auf eine Weise, daß trotz allem, und obwohl der Mensch über Entscheidungsfreiheit zwischen Gut und Böse verfügt, am Ende die allgemeine Menschheitsgeschichte zum Guten neigt, um so alle Menschen vor dem Verderben zu retten. Das ist die eigentliche Bedeutung dieses Segensspruches.

Die Dinge werden ausführlicher im Buch "Da'at Tewunot" von Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto besprochen, wo von zwei parallelen historischen göttlichen Weltlenkungen die Rede ist, die eine "Lenkung des Rechtes" genannt, die uns eher als "Lenkung von Lohn und Strafe" bekannt ist, und die andere, innerlichere, aber wichtigere, die wirklich die historischen Prozesse voranbringt, nämlich die "Lenkung der Einzigkeit", die historische Bestrebung der letztendlichen Offenbarung der Ehre des Himmels vor Aller Augen, damit G~tt als alleiniger Herrscher seiner Welt sichtbar wird. Diese hauptsächliche Lenkung tritt inkraft, wenn die Lenkung des Rechtes versagt. Bei der Sünde um das goldene Kalb zum Beispiel wäre nach der Lenkung des Rechtes g~ttbehüte die vollständige Auslöschung des jüdischen Volkes vorstellbar gewesen. Da rief Moscheh zu G~tt: "Warum sollen die Ägypter sprechen: Zum Unglück hat Er sie herausgeführt..." (Ex.32,12). So wie auch Jehoschua ben Nun bei der Eroberung von Ai sagte, als einige Israeliten im Kampfe fielen. Seine wesentliche Klage lautete nicht: Worin haben wir gesündigt? Sage uns, worin unsere Sünde besteht, und wir werden reumütige Umkehr tun... sondern: "Und was wirst du tun deinem großen Namen?" (Jehoschua 7,9). In Zeiten, in denen die Verdienste des jüdischen Volkes eher dünn gesät zu sein scheinen, sollten wir uns diese große Bestrebung des Herrn der Welt in Erinnerung rufen, daß sich sein Name durch das Volk Israel offenbare. Diese Tatsache allein ist würdig, alle unsere Sünden zu vergeben, wie der Prophet sagte: "In jenen Tagen und in selbiger Zeit, ist der Spruch des Ewigen, wird gesucht werden die Missetat Israels, und sie ist nicht da, und die Sünde Jehudas, und sie wird nicht gefunden; denn ich werde vergeben dem, den ich übrig lasse" (Jirmijahu 50,20).

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